Nach Weihnachten habe ich die freien Tage für eine Wanderung mir kompletter Ausrüstung genutzt, um sie nochmal auf Herz und Nieren zu prüfen. Vor allem die angesagten Touren von -8°C haben mir vor der Tour Sorgen bereitet. Nach Truhiker-Manier bin ich schon seid einigen Jahren auf Wanderungen nur noch in kurzer Hose und bei Wind oder Regen zusätzlich einem Regenrock unterwegs. Doch diese Kombination habe ich noch nicht bei Minusgraden getestet.
Diese Winterwanderung auf dem Kammweg Erzgebirge–Vogtland war für mich mehr als nur eine schöne Tour. Sie sollte ganz bewusst ein Ausrüstungstest unter realistischen Bedingungen werden – mit Kälte, wenig Tageslicht und allem, was man nicht simulieren kann. Entsprechend mulmig war mein Gefühl schon vor dem Start. So mulmig, dass ich mir am Berlin Hauptbahnhof im Decathlon noch spontan eine dünne lange Hose als Backup gekauft habe. Wenn die Ausrüstung durchfällt, wollte ich zumindest eine Ausweichoption haben.

Die Route: Kammweg Erzgebirge-Vogtland
Bei bis zu –8 °C war ich fünf Tage lang auf dem Kammweg Erzgebirge–Vogtland unterwegs, rund 100 Kilometer von Geising bis Schmalzgrube. Der Weg verläuft größtenteils nur wenige Meter von der tschechischen Grenze entfernt. Mal merkt man sie kaum, mal läuft man minutenlang exakt auf der Grenze entlang, begleitet von Grenzsteinen und stillen Wäldern. Gerade im Winter hat diese Grenznähe etwas Besonderes: ruhig, abgeschieden, fast zeitlos.



Zu den landschaftlichen Highlights zählen der Schwartenberg bei Neuhausen mit seinem Gleitschirm-Startplatz und weiten Blicken bis nach Böhmen sowie der Kahleberg, der höchste Punkt Sachsens. Vor allem in der Dämmerung entfaltet er eine besondere Stimmung: tiefer Wintersonnenstand, lange Schatten und eine Stille, die man so nur in den Hochlagen erlebt.
Der Kammweg zeigt das Erzgebirge von seiner stillen Seite: weite Hochflächen, dichte Fichtenwälder, Moore und immer wieder überraschende Ausblicke. Die Wegführung ist abwechslungsreich, aber nie technisch schwierig – Forstwege wechseln sich mit schmalen Pfaden ab. Im Winter erfordert der Weg dennoch Aufmerksamkeit: Glätte, Schnee und Wind machen manche Abschnitte deutlich fordernder als erwartet.
Dank der guten Markierung mit blau-weißen Schildern lässt sich der Kammweg sehr entspannt wandern. Gerade im Winter ist das ein großer Vorteil, da man sich voll auf das Gehen und die Bedingungen konzentrieren kann.
Learning 1: Glätte ist nicht gleich Glätte
Nach einem Tag mit etwa 2 °C und einer Nacht unter 0 Grad veränderte sich der Weg komplett. Feuchtigkeit vom Vortag gefror über Nacht und sorgte für eine unscheinbare, aber extrem tückische Glätte und das nicht nur auf ebenen Wegen, sondern auch im scheinbar harmlosen Kiesbett. Das Gehen fühlte sich permanent unsicher an – weniger wegen Stürzen, sondern wegen der ständigen Konzentration. Jeder Schritt wurde bewusster, langsamer, vorsichtiger. Diese Art von Glätte kostet enorm viel mentale Energie.
Learning 2: Kleidung
Am zweiten Tag habe ich mich von der kurzen Hose verabschiedet und bin mit der dünnen langen Hose weitergelaufen. Der Unterschied war enorm. Nicht unbedingt beim Laufen selbst, sondern vor allem:
- bei Wind
- bei Pausen
- beim Stehen und Kochen
Gerade im Winter ist Kleidung weniger ein Komfortthema als ein Energie-Thema. Weniger Auskühlung bedeutet mehr Reserven. Ich werde auf dem PCT daher eine dünne Windhose als Outer-Layer mitnehmen.
Learning 3: Nächte zeigen Schwachstellen gnadenlos auf
Die erste Nacht verbrachte ich an einem überdachten Wanderrastplatz. Trotz insgesamt gutem Schlafsetup hatte ich ein klares Problem: kalte Füße. Und zwar richtig. Das war die einzige echte Schwachstelle meines Systems. Konsequenz: Für den PCT werden Daunenfüßlinge ins Setup wandern. Genau für solche Erkenntnisse mache ich solche Touren.
Learning 4: Pausen sind schwieriger als das Laufen
Überraschend war für mich, wie problematisch Pausen wurden. Trotz zusätzlicher Daunenjacke kühlte ich extrem schnell aus. Die Lösung war nicht mehr Isolation, sondern ein Strategiewechsel:
- Pausen stark verkürzen
- Kochen, wenn möglich, in der Sonne
- Bewegung höher priorisieren als Komfort
Das ist ein wichtiges Learning, gerade für längere Trails. Das heißt aber auch, dass als Snacks besonders Riegel und Co zu priorisieren sind, die man im gehen gut essen kann.
Learning 5: Wasserversorgung – das größte Problem der Tour
Das mit Abstand größte Problem war die Wasserversorgung. Friedhöfe als Wasserquelle fallen im Winter weg, das war mir klar. Also startete ich mit 3,5 Litern, davon 2,5 Liter Cola & Co.
Was ich unterschätzt habe: wie schnell Getränke einfrieren. Bereits nach etwa vier Stunden musste ich mein Wasser essen statt trinken. Cola blieb länger flüssig – allerdings trügt das. Beim Öffnen kann sie schlagartig gefrieren. Der Vorteil: Die Kristalle sind feiner, eher wie Slushy, und lassen sich zumindest aufnehmen. Warm wird davon trotzdem nichts. Ausreichend zu trinken war zeitweise kaum möglich.
Dieses Thema nehme ich definitiv mit – auch in Richtung PCT, wo Kälte zwar anders, aber nicht weniger relevant ist.
Videos
Die Wanderung habe ich in vier YouTube-Videos dokumentiert – von den ersten Kilometern bis zu den winterlichen Herausforderungen unterwegs. Wenn du die Strecke, Bedingungen und Ausrüstung im Einsatz sehen willst, findest du hier alle Teile:

